Die Obsession eines Künstlers wird zum Kunstwerk. Phelim McDermott, der als Kind unzählige Male dieselbe Schallplatte hörte, wurde später zum Regisseur und arbeitete schließlich mit genau jenem Komponisten zusammen, den er einst verehrt hatte. Tao of Glass nimmt seinen Ausgangspunkt in den zutiefst persönlichen Erinnerungen eines Künstlers, dessen lebenslange Liebe der Musik eines Komponisten gilt.
Der Name „Glass“ im Titel bezieht sich auf Philip Glass, eine der prägenden Figuren der amerikanischen zeitgenössischen Musik. Bekannt ist er vor allem für seine Kompositionstechnik, bei der sich kurze musikalische Phrasen wiederholen und dabei allmählich subtil verändern. Zu seinen zahlreichen Werken zählen die Oper Einstein on the Beach (1976) und die Filmmusik zu The Hours (2002). Tao of Glass, das 2019 beim Manchester International Festival uraufgeführt wurde und nun im Londoner Soho Place zu sehen ist, stellt Glass’ Musik ins Zentrum und verbindet sie mit theatralischem Erzählen, Live-Musik sowie Puppen- und Objekttheater. Das Stück wurde von McDermott geschrieben, der 2023 für seine Inszenierung von My Neighbour Totoro (2022), der Bühnenadaption des gleichnamigen Animationsfilms durch die Royal Shakespeare Company, mit dem Olivier Award für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Regie führte er gemeinsam mit Kirsty Housley. McDermott erzählt auf der Bühne seine eigene Geschichte, begleitet von drei Puppenspieler*innen (Puppendesign: Lyndie Wright). Auf einer Seite der Bühne spielt ein Ensemble aus Klavier, Violine, Klarinette und Schlagwerk live die zehn Stücke, die Glass eigens für diese Produktion komponiert hat.
Das unvollendete Fragment neu gestalten
Entstanden ist das Werk aus einem Projekt, das McDermott und Glass nie zu Ende bringen konnten. Die beiden hatten geplant, gemeinsam ein Bilderbuch von Maurice Sendak (1928–2012) auf die Bühne zu bringen. Mit Sendaks Tod kam diese Zusammenarbeit jedoch zum Stillstand. Ein unvollendetes Werk verschwindet allerdings nicht einfach aus dem Leben eines Künstlers. In diese Erinnerung flossen Kindheit, Träume, Leben und Tod, taoistisches Denken und Glass’ Musik ein. Die verstreuten Fragmente unterschiedlicher Ideen wurden zum Ausgangsmaterial für eine neue Bühnenarbeit.
McDermott hat einmal gesagt, Glass’ Musik habe sich wie ein Fluss durch sein Leben gezogen. Folgt man diesem Fluss stromaufwärts, begegnet man dem jungen McDermott: einem Jungen, der Glass’ Schallplatten immer wieder abspielte und, wie er in der Aufführung gesteht, dem von ihm verehrten Komponisten einst heimlich nachspionierte. Was als Beziehung zwischen einem Fan und seinem Idol begann, wandelte sich allmählich zu einer Begegnung zweier Kunstschaffender auf Augenhöhe. Durch die gemeinsame Arbeit an Opern wurde McDermott zu demjenigen, der die Musik, die er so lange geliebt hatte, in die Sprache der Bühne übersetzte. Tao of Glass dokumentiert auch diesen Prozess: Zwei Künstler, die in unterschiedlichen Sprachen arbeiten, tauschen ihre Ideen durch das gemeinsame Werk aus. Der Komponist schafft neue Musik; der Regisseur greift die Bilder und Gedanken auf, die diese Musik hervorruft, überträgt sie auf die Bühne und gibt sie auf diese Weise zurück.
Das taoistische Denken als roter Faden
Tao of Glass beginnt beinahe wie ein autobiografischer Monolog, der McDermotts Erinnerungen folgt. Er erzählt von seiner Kindheit und dem Moment, in dem er zum ersten Mal Glass’ Musik begegnete. Man könnte erwarten, dass sich daraus ganz selbstverständlich die Entwicklungsgeschichte eines Künstlers entfaltet. Doch nach und nach löst sich die Erzählung auf. An ihre Stelle treten ausgedehnte musikalische Passagen sowie Fragmente über Puppen und Schatten, Träume, Leben und Tod, die auftauchen und wieder verschwinden. Statt dass ein Ereignis das nächste vorantreibt, verteilen sich Bruchstücke aus Erinnerungen und Musik, Philosophie und Bildern über die Bühne.
Hier wird das „Tao“ im Titel zum Schlüssel für das Verständnis des Werks. „Tao“ bedeutet „Weg“ – 道. Das taoistische Denken, wie es insbesondere von Laozi und Zhuangzi vertreten wird, schätzt eine Haltung, die den natürlichen Fluss und den Wandel der Dinge akzeptiert, anstatt sie erzwingen oder kontrollieren zu wollen. Auch die Erzählung von Tao of Glass bewegt sich frei, ohne einer festgelegten Richtung zu folgen. Bisweilen entsteht der Eindruck, McDermott lasse einfach jene Gedanken auf der Bühne Gestalt annehmen, die ihm im jeweiligen Moment in den Sinn kommen. Das Motiv des „Weges“ lädt dazu ein, weniger darauf zu achten, was das Werk aussagt, als vielmehr darauf, wie es sich entfaltet.
Ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des Stücks ist Kintsugi (金継ぎ), die traditionelle japanische Technik, zerbrochene Keramik zu reparieren. Während der Aufführung spricht McDermott über diese Methode: Anstatt die Risse eines zerbrochenen Gegenstands zu verbergen, werden die Fragmente wieder zusammengesetzt und die Bruchstellen mit Gold hervorgehoben. Die Spuren des Zerbrechens werden als Teil einer neuen Schönheit angenommen. Auch Tao of Glass versucht nicht, Kindheitserinnerungen, ein unvollendetes Projekt, Träume und Tod, Puppenspiel und Musik zu einer einzigen, nahtlosen Erzählung zusammenzufügen. Wenn das „Tao“ zeigt, wie das Werk in Bewegung bleibt, veranschaulicht Kintsugi, wie die verstreuten Materialien zusammenfinden und ein Ganzes bilden.
Vom Abstrakten zum Greifbaren
Die Inszenierung bietet zahlreiche musikalisch wie visuell eindrucksvolle Momente, entwickelt sich jedoch ausgesprochen langsam. Wer der Erzählung folgt, kann leicht den roten Faden verlieren; mitunter scheint ein Bild nicht unmittelbar an das nächste anzuknüpfen. Dennoch sind jene Momente besonders eindrücklich, in denen McDermott abstrakte Gedanken in theatrale Bilder verwandelt (Bühnenbild: Fly Davis). Wenn sich die Bewegungen von Menschen und Gegenständen über Glass’ Musik legen, erweitert sich das, was das Ohr hört, zu einem Erlebnis, das sich vor den Augen auf der Bühne entfaltet.
Große, dünne Papierbahnen, auf denen Noten gedruckt sind, fallen auf die Bühne herab und verteilen sich in alle Richtungen. Die drei Puppenspieler*innen sammeln die Blätter einzeln auf, heben sie hoch und formen daraus eine Gestalt. Aus den verstreuten Notenblättern entsteht im Handumdrehen das Bild von Glass, der am Klavier sitzt. In diesem Moment verleiht das Papier, auf dem die Musik festgehalten wurde, dem Körper ihres Schöpfers eine Form. Die Hämmer und die innere Mechanik des Klaviers verwandeln sich in die Skyline von New York. Papier und Noten, Puppen und menschliche Körper erschaffen unaufhörlich neue Landschaften. Der Entstehungsprozess wird dabei nie verborgen. Doch gerade in dem Augenblick, in dem sich das Material vor den Augen des Publikums in etwas völlig anderes verwandelt, offenbart sich erneut McDermotts theatralische Vorstellungskraft, die bereits in My Neighbour Totoro so eindrucksvoll zur Geltung kam. So wie sich verstreute Notenblätter zu einer neuen Gestalt zusammenfügen, ist auch diese Aufführung aus den zahlreichen Fragmenten entstanden, die in McDermotts Leben zurückgeblieben sind.
Für einen Künstler sind die Erinnerungen daran, als Jugendlicher Glass’ Musik zwanghaft immer wieder abgespielt zu haben, und ein Projekt, das nie vollendet wurde, keine vergeudete Zeit. Aus lang gehegter Bewunderung entstand eine Zusammenarbeit mit dem Komponisten; aus einem unvollendeten Werk wurde das Material für etwas Neues. Wie beim Kintsugi, das die Spuren jedes zerbrochenen Stücks bewahrt und ihnen zugleich eine neue Form gibt, hat McDermott seine Erinnerungen, Obsessionen und gescheiterten Vorhaben zusammengefügt, neu verbunden und daraus ein geschlossenes Bühnenwerk geschaffen.
FOTO ©Johan Persson
Jaeeun Jung
Dieser Artikel erschien in Auditorium(월간객석) (monatlich erscheinendes Magazin für darstellende Künste).
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