ITDb Logo

International Theatre Database

The Insights

Der Zerfall des Mythos, die Bühne der Erinnerung

Yeri Kim

Yeri Kim

2026. 09. 17 11:51Views 23

Die Möglichkeiten und Grenzen von Public History am Beispiel des Musicals Elisabeth


Das "Sissi-Mythos" als populäres Zeichen und Public History


Kaiserin Elisabeth von Wittelsbach des habsburgischen Kaiserreichs Österreich — mit dem Spitznamen "Sissi" — wurde über lange Zeit als populäres Zeichen konsumiert: als "romantische, liebenswerte Märchenprinzessin", ein Bild, das vor allem durch Ernst Marischkas Filmtrilogie der 1950er Jahre mit Romy Schneider geprägt wurde.

Um die dunkle Vergangenheit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus zu verschleiern, verarbeitete die österreichische Nachkriegsgesellschaft die glanzvolle Aura des Kaiserreichs und Sissis Schönheit zu einer entkontextualisierten Sprache der Nostalgie (Habsburg-Nostalgie) und verpackte sie als repräsentatives nationales Tourismusprodukt.

Als Public Historian lässt sich diese "Kitschisierung" der populären historischen Erinnerung so deuten, dass sie mehr ist als bloße Idealisierung einer einzelnen Figur — sie fungiert als Mechanismus einer nationalen Erinnerungspolitik (Memory Politics), der historische Strukturen und die Gewalt der Epoche verdeckt.

Das Musical Elisabeth — Buch von Michael Kunze, Musik von Sylvester Levay — zerlegt diese erstarrte gängige Vorstellung und kann als Quintessenz einer "public-historischen Ästhetik" gelten, die beweist, wie populäre Kunst historiographisches Bewusstsein zur Aufführung bringen kann.


17.jpg




Österreichs Erinnerungspolitik und die Vergangenheitsbewältigung

Die Uraufführung des Musicals Elisabeth 1992 am Theater an der Wien fiel in einen entscheidenden Wendepunkt der österreichischen Zeitgeschichte und Geschichtswissenschaft.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg legte sich Österreich, gestützt auf eine eigennützige Lesart der Moskauer Deklaration von 1943, den Opfermythos zu — die Selbstdefinition als "erstes Opfer Nazideutschlands" — und machte diesen zur Grundlage der nationalen Identität.

Durch eine Kulturnation-Politik, die sich auf das Erbe Mozarts und des Kaiserreichs stützte, entzog sich Österreich ebenso der nationalen und moralischen Verantwortung für die NS-Verbrechen.

Doch der Skandal um die verschwiegene NS-Vergangenheit von Bundespräsident Kurt Waldheim im Jahr 1986 sowie 1991 die offizielle Anerkennung der österreichischen Mitverantwortung am Holocaust durch Bundeskanzler Franz Vranitzky stürzten die österreichische Gesellschaft schließlich in den Strudel einer echten Vergangenheitsbewältigung.

Ein Jahr später uraufgeführt, war Elisabeth ein Ereignis, das auf die Forderung einer Zeit antwortete, in der sich die Öffentlichkeit erstmals unmittelbar ihrer dunklen Vergangenheit stellte.


[Der Kontext der österreichischen Nachkriegs-Erinnerungspolitik und das Auftreten von Elisabeth]

1945–1985: Verantwortungsvermeidung durch den Diskurs des Opfermythos und der Kulturnation 

1986: Aufdeckung von Kurt Waldheims NS-Vergangenheit 

1991: Offizielle Rede von Bundeskanzler Franz Vranitzky zur Anerkennung der NS-Mitverantwortung 

1992: Uraufführung des Musicals Elisabeth in Wien


14.jpg




Eine public-historische Neuinterpretation: "Der Tod" und die symbolische Struktur der Figurenbeziehungen


Das strukturelle Rückgrat des Werks bildet die unheimliche Beziehung zwischen dem metahistorischen Erzähler* Luigi Lucheni und der Personifikation der Idee, "Der Tod".

Im Prolog, nach hundert Jahren strenger Verhöre vor dem Gericht der Unterwelt, erklärt Lucheni:


Ich habe sie getötet, weil sie selbst den Tod gewollt hat.


엘 4.jpg


Lucheni fungiert alsHyper-Historiker**, der Risse in die feststehende historische Überlieferung schlägt, Geister und ein Archiv von Gegenständen wiederbelebt und auf die Bühne beschwört.


Der Tod ist hier nicht bloß der Schutzgeist einer einzelnen Person, sondern ein "Katalysator", der die gewaltige historische Katastrophe des Untergangs des Kaiserreichs vorantreibt.

In der zweiten Hälfte des Stücks bildet die Inszenierung, in der der Tod — wie beim Umstürzen eines Schachbretts — Lucheni die Waffe (eine Feile) reicht, mit der Elisabeth durchbohrt wird, den Höhepunkt, an dem sich transzendentes Schicksal (Der Tod) und reale historische Gewalt (Lucheni) treffen.

Dies ist ein historisches Symbol auf der Bühne, das belegt, dass die Geschichte jener Zeit ein Prozess der Selbstzerstörung war, geboren aus dem Zusammenwirken transzendenter Katastrophe und kollektiven Wahns.

So wie sich die transzendente Idee "Der Tod" mit der zerstörerischen Gewalt von außerhalb des Kaiserreichs (Lucheni) verbindet und die Geschichte der Katastrophe entgegenzieht, dringt der Tod andererseits in das Innere des schwächsten Glieds im Inneren des Kaiserreichs ein — des Kronprinzen Rudolf — und treibt so den strukturellen Selbstuntergang des Königshauses voran.

Für Rudolf, der inmitten des Freiheitskampfes seiner Mutter Elisabeth als politisches Pfand missbraucht und vernachlässigt wurde, wird der Tod zur einzigen Zuflucht und zum tödlichen Geliebten.

Die Nummern, die diese Beziehung am eindringlichsten einfangen — "Die Schatten werden länger" und der "Mayerling-Walzer", in denen der Tod Rudolf verführt, indem er ihm einen Revolver in die Hand drückt — zeigen kunstvoll, wie sich psychisches Defizit des Einzelnen mit politischer Verzweiflung verbindet und im Selbstuntergang des Kaiserreichs mündet.


20.jpg


Bemerkenswert ist die Symmetrie, mit der "Der Tod" nicht selbst mordet, sondern dem Anarchisten an der untersten Stufe des Kaiserreichs (Lucheni) eine Feile und dem Kronprinzen an dessen oberster Stufe (Rudolf) einen Revolver in die Hand drückt.

Letztlich belegen die Komplizenschaft von "Tod und Lucheni" sowie die Verführung von "Tod und Rudolf" gemeinsam, dass der Untergang des Habsburgerreichs kein einzelner Zufall war, sondern ein Prozess, in dem sich psychische Selbstzerstörung im Inneren des Systems (Rudolf) und strukturelle Gewalt von außerhalb (Lucheni) kunstvoll miteinander verwoben.

Der Tod, die Personifikation der Idee, visualisiert über diese beiden Figuren den Prozess der Reichskatastrophe vielschichtig auf der Bühne und vollendet damit, über ein bloßes Charakterdrama hinaus, eine gewichtige public-historische Botschaft über den Untergang eines Reiches.


*Metahistorischer Erzähler: Ein dramaturgisches Mittel, bei dem sich eine Figur nicht in eine einzelne historische Erzählung einschließen lässt, sondern die "vierte Wand" durchbricht, um direkt mit dem Publikum zu kommunizieren, und dabei kritisch die Art der historischen Darstellung auf der Bühne sowie die Haltung des Publikums zum Konsum von Geschichte selbst kommentiert.

**Hyper-Historiker: Ein Begriff des Theaterwissenschaftlers Freddie Rokem, der — anders als der akademische Historiker, der schriftliche Quellen sammelt und beschreibt — einen theatralen Vermittler bezeichnet, der im performativen Raum der Bühne, vermittelt durch seinen eigenen Körper, seine Stimme und ein Archiv von Objekten, Figuren und Ereignisse der Vergangenheit unmittelbar auf die Bühne beschwört und bezeugt.



Fortschritte und kritische Grenzen


Das Musical Elisabeth ist kein feststehender Text geblieben, sondern durchläuft eine fortlaufende Reihe von Produktionsvariationen.

Die inszenatorischen Überarbeitungen der jüngsten Produktion ("All New Elisabeth") zeigen diesen Fortschritt deutlich.

In früheren Inszenierungen warf Lucheni in der Szene, in der Elisabeth eine Nervenheilanstalt besucht, dem Publikum den Witz zu, es gebe "auch hier viele Verrückte", und degradierte damit Krankheit und seelisches Leiden des Menschen lediglich zum komischen Vergnügen des Publikums.

Dies war die gewohnheitsmäßige Art des konventionellen großen Musiktheaters, das die Krankheit und das seelische Leid anderer stets ohne Selbstprüfung zur Karikatur machte.

In der Version von 2026 jedoch wurde dieser unethische Spott und das reißerische komische Element vollständig gestrichen.

Stattdessen wird der Szene die Prämisse verliehen, dass ein in der Anstalt inhaftierter Patient "einst Adliger war", wodurch die Produktion den Raum der Nervenheilanstalt selbst zu einem Symbol für den Untergang des gesamten Habsburgerreichs und seiner Adelsschicht rekonstruiert.

Dass die abwertende Stereotypisierung fremden Leids beseitigt und die strukturelle Tragik des Reichsuntergangs zugleich vertieft wurde, zeigt, dass populäre Kunst ethisches Bewusstsein und historiographische Tiefe zugleich verkörpern kann.


아무것도.jpg


Trotz dieses Fortschritts bleiben jedoch weiterhin vernachlässigte Schwachstellen bestehen.

Beispielhaft dafür sind die Verzerrung und das stereotype Genderklischee in der Nummer "Die Maladie" im zweiten Akt.

Im Stück wird dargestellt, dass Kaiser Franz Joseph eine Beziehung mit der Kurtisane Madeleine hat und dadurch Elisabeth mit einer Geschlechtskrankheit ansteckt — doch das entspricht nicht den historischen Tatsachen.

Tatsächlich war es historisch nicht Joseph, sondern Sohn Rudolf, der sich mit einer Geschlechtskrankheit infizierte und sie an seine eigene Frau, Kronprinzessin Stephanie, weitergab.

Die Produktion verzerrt jedoch die Geschichte, indem sie Josephs Verrat betont, um die dramatische Rechtfertigung für Elisabeths Flucht aus dem Hof zu maximieren.

Darüber hinaus bleibt die Frage: Warum greift das große Musiktheater, wann immer es Verzweiflung, moralischen Verfall oder einen narrativen Wendepunkt einer männlichen Figur darstellen will, jedes Mal auf das Motiv "Straßenmädchen/Geschlechtskrankheit/Bordell" zurück?

Dass populäre Kunst sich auf Sexarbeiterinnen und Geschlechtskrankheiten als narrative Abkürzung stützt, um die innere Verzweiflung oder moralische Kontamination einer Figur zu visualisieren, ist eine unter dem Vorwand des Zeitkolorits stets wiederholte Gewohnheit.

Der unnötige Witz in der Anstaltsszene wurde zu einer Erzählung des Adelsuntergangs verfeinert, während das Prostitutionsklischee unangetastet blieb — ein Punkt, der in künftigen Produktionen unbedingt überdacht und revidiert werden muss.


21.jpg


Die Grenzen der Bühnendarstellung beschränken sich nicht allein auf Formen der geschlechtsspezifischen Konsumierbarkeit.

Eine weitere bedeutende public-historische und ethische Frage, die sich bei der Dramatisierung historischer Figuren stellt, betrifft den Umgang mit einem realen Straftäter.

Darf ein realer historischer Straftäter bzw. Terrorist in der populären Kunst zu einem attraktiven narrativen Vermittler für das Vergnügen des Publikums verklärt werden?

Luigi Lucheni ist historisch der anarchistische Attentäter, der 1898 am Ufer des Genfersees eine unschuldige, sechzigjährige Frau allein deshalb, weil sie dem Königshaus angehörte, mit Messer und Feile brutal ermordete.

Im Musical jedoch verleiht man Lucheni den Status eines zynischen, aber geistreichen Erzählers, eines charismatischen Rockstars, der die Bühne beherrscht, und eines Meta-Historikers, der die Heuchelei des Publikums entlarvt.

Dabei geht das Publikum, gefangen von der narrativen Anziehungskraft des Straftäters, unmerklich in eine Desensibilisierung gegenüber der Brutalität der tatsächlich von ihm verübten historischen Gewalt und der Tragödie des Opfers über.

So bleibt, selbst während die inszenatorische Überarbeitung die Erzählung des Reichsuntergangs vertieft, eine doppelte ungelöste Aufgabe bestehen — die stereotype geschlechtsspezifische Verwertung und die narrative Verklärung eines realen Täters —, ein wissenschaftliches und ethisches Thema, dem sich künftige Schöpfer historischer Inhalte unbedingt stellen müssen.




Die ästhetische Struktur historischer Inhalte und die Ausrichtung von Public History


Damit ein historischer Text im Bereich der populären kommerziellen Kunst zugleich starken Erfolg und narrative Resonanz erzielt, bedarf es ausgefeilter ästhetischer Rekonstruktionsmechanismen, die über bloße Faktentreue hinausgehen.


Das Musical Elisabeth ist ein repräsentatives Beispiel dafür, dass Geschichte erst dann zu lebendigem Content werden kann, wenn public-historische und dramaturgische Mittel organisch zusammenwirken.

Der ästhetische Mechanismus, der dieses Werk zu erfolgreichem public-historischem Content erhoben hat, lässt sich in vier zentralen narrativen Achsen konkretisieren.


Erstens die narrative Energie, die entsteht, wenn der bereits im kollektiven Unterbewusstsein verankerte "Sissi-Mythos" zerlegt wird.

Das Werk nutzt den bestehenden populären Romantizismus der "liebenswerten Kaiserin" — geformt unter anderem durch die Sissi-Filmreihe — als Antriebskraft der Mythenzerstörung.

Stattdessen versetzt es das Publikum in einen Schock, indem es diesen Romantizismus roh und ungeschönt der Wahrheit gegenüberstellt: der Besessenheit von Schönheit, schwerer Essstörung und Depression sowie dem Kampf gegen den Hof als Gefängnis.

Zweitens eine narrative Struktur, die die private Tragödie des Einzelnen mit dem Strom des Reichsuntergangs zur Deckung bringt.

Elisabeths persönlicher Freiheitskampf ist kunstvoll mit dem unkontrollierbaren Zerfallsprozess des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert verwoben.

Damit geht das Werk über ein fragmentarisches biografisches Drama einer endlos umherirrenden Frau außerhalb des Hofes hinaus und erlangt stattdessen universelle Resonanz.

Drittens die Konstruktion einer Figur, die den abstrakten Begriff "Der Tod" als faszinierende Gestalt personifiziert.

Indem der Tod als sexy, betörende Entität sichtbar gemacht wird, gestaltet das Werk dramatisch das existenzielle Defizit und die Einsamkeit in Elisabeths Innerem sowie "den Tod" als ihren Fluchtweg.

Dies fungiert als das entscheidende dramaturgische Mittel, das die typische Schwere eines gewichtigen Geschichtsdramas durchbricht und zugleich fantastische Spannung und kommerzielle Massenwirkung sichert.

Viertens, wie in Luchenis Nummer "Kitsch", ein satirisches Enthüllungsmittel, das die nostalgische Art und Weise, wie das Publikum selbst Geschichte konsumiert, direkt auf der Bühne kritisiert.

Indem Lucheni, der reale Attentäter, als Beobachter und Erzähler positioniert wird, verspottet und persifliert das Werk auf der Bühne direkt sowohl die Heuchelei des Hofes als auch des Publikums, das Geschichte zu einem billigen Souvenir verarbeitet und konsumiert.

Dies fungiert als metanarratives Mittel, das das Publikum nicht in die Romantik auf der Bühne eintauchen lässt, sondern es stattdessen dazu bringt, seine eigene Art des Geschichtskonsums kritisch zu hinterfragen.


엘 5.jpg


Doch selbst wenn ein Werk im Inneren über derart ausgefeilte historiographische und dramaturgische Mittel verfügt, ist es eine Aufgabe anderer Größenordnung, dies in ein Publikum eines Landes mit völlig anderem kulturellen und sprachlichen Hintergrund zu verpflanzen.

In einem koreanischen Umfeld, in dem lange Zeit Englisches-Musicals (Broadway/West End) den Hauptstrom bildeten, ist die einzigartige Leistung der Übersetzerin Danbi Lee bei Adaption und Lokalisierung nicht wegzudenken, mit der sie das fremde, für koreanische Ohren ungewohnte deutsche Original mit seiner eigentümlichen Grammatik erfolgreich im koreanischen Markt verankerte.

Für das koreanische Publikum waren die Geschichte des habsburgischen Kaiserreichs im 19. Jahrhundert und die österreichische Zeitgeschichte zuvor ein völlig fremdes Gebiet ohne jeden Berührungspunkt.

Zudem barg ein deutscher Text voller gewichtiger, philosophischer Metaphern die reale Gefahr, beim Publikum durch die Sprachbarriere Befremden auszulösen.

Doch die sprachliche Leistung, den poetischen Rhythmus und die historiographischen Metaphern des Originals mit dem eigentümlichen Klang und der emotionalen Färbung der koreanischen Sprache kunstvoll neu zu erschaffen, wurde zur entscheidenden Brücke, über die das Publikum — ohne jede vorherige Vertrautheit — in die Tragödie des österreichischen Kaiserreichs eintrat und diese Geschichte selbst zu erforschen begann.

Diese Ästhetik zeigt sich besonders deutlich in der Adaption der Nummern — der Musik, dem eigentlichen Kern und Herzstück des Musicals.

Ein repräsentatives Beispiel ist die Adaption der Highlight-Nummer des ersten Akts, "Ich gehör nur mir", dem koreanischen Publikum unter dem übersetzten Titel etwa "Ich bin nur mein Eigen" gut bekannt.

Die möglicherweise steif und allzu direkt wirkende wörtliche Bedeutung des deutschen Originals wurde als "Ich will Freiheit" wiedergegeben, beziehungsweise im Titel als "Ich bin nur mein Eigen".

Die zweisilbige Wendung, die den Höhepunkt der Nummer krönt, "Nur mir", wurde in das Wort "Freiheit" übersetzt — ein Wort, das nicht nur exakt in Takt und Silbenzahl passt, sondern zugleich den zentralen Wert benennt, nach dem die Figur ihr ganzes Leben lang strebte.

Indem ein Wort gefunden wurde, das perfekt im Einklang mit der Spannung der Melodie atmet, schuf man einen kraftvollen "Hook", der sich sofort im Ohr festsetzt, und prägte damit Elisabeths eigenständige Identität — ihre Weigerung, zum Besitz des Systems zu werden — vollständig ein.


엘 3.jpg


Diese Adaption, die den Rhythmus der Melodie mit der Gefühlswelt der Figur verschmilzt, entfaltet sich noch strahlender im Duett "Boote in der Nacht" im zweiten Akt, in dem Franz Joseph und Elisabeth nach dem Tod ihres Sohnes Rudolf ihre beiden für immer unerreichbaren, parallelen Leben besingen.

Das Original bietet das lyrische Bild zweier Schiffe, die auf einem Nachtmeer treiben, jedes mit seinem eigenen Ziel und seiner eigenen Last, und zeigt damit, dass Joseph, gebunden an seine kaiserliche Pflicht, und Elisabeth, unaufhörlich nach Freiheit jenseits des Hofes verlangend, niemals ein gemeinsames Ziel erreichen können.

Die koreanische Produktion schuf dies mit dem intuitiven und zugleich lyrischen Ausdruck "Das Glück ist fern" neu.

Besonders die Passage, die die räumliche (Nacht-) und historiographische (Reichsuntergang-) Bedeutung des Originals in die Zeile "Das Glück ist fern, wir sind kleine Boote, die auf der Suche nach Liebe treiben" entfaltet, ist eine wahrhaft bewundernswerte Leistung.

Diese Passage — die das Kernbild des Originals, "das treibende Boot", bewahrt, während sie zugleich in den eigentümlichen Klang der koreanischen Sprache die Verzweiflung zweier Menschen auflöst, die sich selbst angesichts des tragischen Todes ihres Kindes letztlich nie umarmen können (Das Glück ist fern) — ist ohne Zweifel die Krönung der Adaption.

Durch eine solche Adaption — die zugleich den historischen Kontext der Originalsprache bewahrt und die besondere emotionale Färbung des Koreanischen zur Geltung bringt — wurde eine fremde, unbekannte Geschichte in die eigene innere Tragik des Publikums hineingezogen.

Dies ist ein Beispiel dafür, dass, wenn Public History über Grenzen und Sprachen hinweg in ein fremdes Publikum eindringt, die Übersetzerin nicht nur als sprachliche Vermittlerin, sondern als kulturelle und historische Mediatorin fungiert, die das Publikum in die Geschichte hineinführt.


행멀.jpg
엘 7.jpg


Der Grundlage dieser erfolgreichen Lokalisierung liegt, selbstverständlich, die überwältigende Vollendung des Originalwerks selbst fest zugrunde.

Librettist Michael Kunze, Komponist Sylvester Levay und das Kreativteam bewiesen ein außergewöhnliches Gespür für Stoffwahl und dramaturgische Konzeption, indem sie den Stoff "der Untergang des österreichischen Kaiserreichs" — der leicht auf eine national verengte und unentwegt düstere Tragödie hätte beschränkt bleiben können — zum Höhepunkt der populären kommerziellen Kunst erhoben.

Insbesondere die originelle Inszenierungstechnik und Figurenkonstruktion, die den abstrakten Begriff "Der Tod" als sexy, faszinierende Gestalt personifizierte und in Elisabeths Leben eingreifen ließ, war ein genialer Schachzug, der einem gewichtigen Geschichtsdrama zugleich fantastische Spannung und kommerzielle Massenwirkung verlieh.

Trotz der zuvor genannten kritischen Grenzen — die stereotype geschlechtsspezifische Verwertung (das Bordell-/Geschlechtskrankheits-Motiv) und die narrative Verklärung des realen Täters (Lucheni) — zeigt die Verbindung aus der einzigartigen kreativen und inszenatorischen Vollendung des Originals und einer Lokalisierung, die dieses perfekt in das koreanische Empfinden übertrug, das mächtigste künstlerische Vorbild dessen, was Geschichte hervorbringen kann, wenn sie auf die Bühne trifft.

Genau hier liegt die letztendliche Bedeutung, die das Musical Elisabeth der nächsten Generation von Public Historians und Schöpfern historischer Inhalte vermittelt.

Wir müssen die ästhetische Struktur und den Erfolgsmechanismus, die dieses Werk bewiesen hat, sorgfältig analysieren und daraus lernen — zugleich aber die darin verborgenen kritischen Grenzen überwinden.

Die eigentliche Mission von Public History erschöpft sich nicht in der kommerziellen Wiederverwertung einer auf berühmte Königshäuser oder Helden zentrierten Geschichte.

Ihre Aufgabe ist es, angetrieben von dem inhaltlichen Mechanismus erfolgreicher Werke, jene Geschichten unaufhörlich auf die Bühne zu rufen, die zwar eindeutig in den Quellen verzeichnet, im öffentlichen Gedächtnis aber in Vergessenheit geraten sind — Geschichten, die "documentiert, aber nicht erinnert" wurden.

Die Leben und Stimmen der im Schatten des großen Mythos übersehenen, an den Rand gedrängten Subjekte auszugraben und sie bewegend mit dem Leben des Publikums von heute zu verbinden.

Das ist die wissenschaftliche und künstlerische Mission, die wir, ausgehend vom Musical Elisabeth, durch fortgesetzte Forschung und schöpferische Arbeit weiterführen müssen.


Das Musical Elisabeth läuft vom 16. August bis 15. November in der Blue Square Woori Bank Hall.


Produktionsfotografien © EMK Musical Company


Quellen und Literaturverzeichnis

  • Hametz, Maura E., und Heidi Schlipphacke, Hrsg. (2018).Sissi's World: The Empress Elisabeth in Memory and Myth. New York & London: Bloomsbury Academic.
  • Monde, Lisa. (2024). „Mozart! The Gem of European Musical Theatre: Exclusive Interviews with Michael Kunze and Sylvester Levay."The Theatre Times.
  • Richardson, Carolyn Nicole. (2021).„If I Were Your Mirror" – A Reflection on Austrian History Through Elisabeth das Musical. Bakkalaureatsarbeit mit Auszeichnung, Oregon State University.
  • Scheiblhofer, Susanne. (2023). „Confronting the Past through Popular Musical Theatre: The Effects of Austrian Postwar Cultural Policies on the Reception History of Musicals."Musicologica Austriaca: Journal for Austrian Music Studies.
  • Tanaka, Rina. (2026).Wiener Musicals and Their Developments: Glocalisation History of Musicals between Vienna and Japan. Wien: Hollitzer Verlag.


Yeri Kim

Der Zerfall des Mythos, die Bühne der Erinnerung | ITDb