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Ein einsamer, sanfter Blick auf das späte Leben

Auditorium

Auditorium

2026. 07. 16 17:37Views 794

Vom Moment an, in dem die Zuschauer den Saal betreten, sitzt ein alter Mann fast reglos im Rollstuhl auf der Bühne, scheinbar gefangen zwischen Leben und Tod. Um ihn herum tragen andere Bewohner Notrufgeräte, während Pflegekräfte durch den Raum eilen. Eine Mitarbeiterin stellt Joan vor, eine Neuankömmling im Pflegeheim, und ermutigt sie, ihre Lebensgeschichte zu erzählen – schließlich höre man solche Geschichten so gerne. Alexander Zeldins Care – ein Stück, das zutiefst private Erfahrungen in öffentliche Kunst verwandelt – ist auf der Londoner Bühne angekommen.


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Der britische Dramatiker und Regisseur Alexander Zeldin wurde als Sohn eines russisch-jüdischen Vaters und einer australischen Mutter geboren. Aufgewachsen in Oxford und heute in Paris lebend, ist Zeldin für seine genaue Beobachtung des Alltagslebens gewöhnlicher Menschen bekannt. Sein jüngstes Werk Care ist die englische Übersetzung und Bearbeitung seines ersten französischsprachigen Stücks Une mort dans la famille (Ein Tod in der Familie), das 2022 am Odéon-Théâtre de l'Europe in Paris uraufgeführt wurde. Seine gefeierte Produktion The Confessions am National Theatre im Jahr 2023 entstand bekanntlich aus Interviews, die er während der Pandemie mit seiner Mutter führte, und bot einen einfühlsamen Blick auf familiäre Erinnerung und Beziehungen zwischen den Generationen.


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Ausgehend von persönlicher Geschichte erforscht Zeldin genau jenen Schnittpunkt, an dem private Erzählungen auf die kollektive menschliche Erfahrung treffen. Als eigener Regisseur der Produktion sorgt Zeldin dafür, dass seine charakteristische Feinfühligkeit in jedem Moment spürbar bleibt. Seine Figuren sind keine klassischen Helden, sondern gewöhnliche Menschen, wie man ihnen jeden Tag begegnet: Pflegeheimbewohner, die ihre letzten Tage verbringen, pflegende Angehörige und Menschen, die tiefe Trauer durchleben. Doch gerade in diesem gewöhnlichen Dasein deckt Zeldin verborgene Momente von Würde, Mut und Liebe auf. Individuelle Erinnerungen und Familiengeschichten verwandeln sich auf der Bühne in ein weitreichendes menschliches Mitgefühl.


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Obwohl Care zunächst wie ein düsteres, schweres Stück wirkt – was es für gelegentliche Theaterbesucher zu einer Herausforderung macht –, überwindet es letztlich seine dunkle Prämisse. Diese ungeschönte Realität  wird durch Zeldins Regie und ein herausragendes künstlerisches Team zum Leben erweckt. Rosanna Vizes Bühnenbild schafft einen weiten, weißen, klinischen Raum, der die kühle Atmosphäre einer Institution authentisch einfängt. Dieser Nüchternheit steht James Farncombes Lichtdesign gegenüber, das mit bewusst langsamen Flackern und abrupten Verdunkelungen das Publikum in einen Zustand drückender Anspannung versetzt. Josh Anio Griggs Sounddesign verstärkt diese Atmosphäre zusätzlich, indem es mit präzisen Klangeinsätzen das beklemmende, immersive Gewicht des Raums vertieft. Indem die Produktion die raue Realitä von Altern und Sterblichkeit nicht abmildert, verwandelt sie institutionelle Kälte in ein tief empfundenes, warmes Mitgefühl.


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Während Zeldin den Bauplan liefert, vollendet das außergewöhnliche Ensemble die Geschichte auf beeindruckende Weise. Die Besetzung umspannt ein bemerkenswertes Altersspektrum – von jugendlichen Darstellern bis zu einer 92-jährigen Bühnenveteranin. Im Zentrum steht Linda Bassett, die als Joan, eine Neuankömmling, die um ihre Identität in der Einrichtung ringt, eine unvergessliche Leistung liefert. Viele der älteren Darsteller, darunter Richard Durden als John und Hayley Carmichael als Simone, haben ihre Jugend auf Bühne und Leinwand verbracht. Hier verkörpern sie die Mitbewohner, ohne ihr eigenes Altern zu verbergen oder zu verklären. Mit vollkommener Verletzlichkeit zeigen sie die sichtbaren Spuren der Zeit – von gebeugten Rücken bis zu erschlaffter Haut. Gegen Ende der Produktion werden Worte überflüssig, und Stille spricht lauter als Dialog. In völliger Reglosigkeit entfalten sich diese letzten Szenen als eindrucksvolles Zeugnis der Einsamkeit und letztendlichen Würde eines menschlichen Lebens, das sich seinem natürlichen Ende nähert.

 

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Lange nach dem Schlussapplaus blieben viele Zuschauer wie angewurzelt auf ihren Plätzen sitzen, unfähig, für einige Zeit zu gehen. Während die meisten Theaterproduktionen damit enden, dass das Publikum still und ohne Führung den Saal verlässt, bot diese Vorstellung eine unerwartete, letzte Umarmung. Eine sanfte Stimme erklang: „Es besteht kein Grund zur Eile. Ich hoffe, Sie passen auf sich auf .“ Der Titel Care bezeichnet sowohl den physischen Akt der Fürsorge als auch den tieferen Zustand, jemanden im Herzen zu behalten. Indem die Produktion ihr Versprechen bis zum allerletzten Moment einlöst, verabschiedet sie ihr Publikum mit einem zärtlichen Abschied und hinterlässt die wahre, nachhallende Bedeutung von Mitgefühl.

 

Produktionsfotos ⓒJohan Persson

 

Jaeun Jung




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