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History Remix: Was das Musical SIX über die Kraft der Public History erzählt

Yeri Kim

Yeri Kim

2026. 07. 15 16:17Views 11

2026 gastierte die britische Tourneeproduktion von SIX im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee im Capitol Theater Düsseldorf – dort begegnete ich diesem außeIndem das Musical die Geschichten der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. in einen mitreißenden 80-minütigen Pop-Konzert-Battle verwandelt, hat sich SIX zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Aus der Perspektive einer Studentin, die sich mit Public History beschäftigt – einer Disziplin, die Geschichte aus dem akademischen Raum heraus in den Alltag der Gesellschaft trägt –, ist das Musical eines der überzeugendsten Beispiele dafür, wie Geschichte popularisiert und zugleich reflektiert repräsentiert werden kann.


Besonders prägend wurde dieser Theaterbesuch jedoch durch meine Begleitung. Meine Begleitung, ein Mensch, der sich selbst als „durch und durch naturwissenschaftlich geprägt“ bezeichnet, begegnete SIX erstmals in der zehnten Klasse. Diese eine Begegnung weckte eine unerwartete Begeisterung für die britische Geschichte und führte schließlich dazu, dass für das deutsche Abitur eine englischsprachige Facharbeit über das Musical verfasst wurde. Zu erleben, wie jemand ohne vorheriges Interesse an Geschichte durch Popkultur die Tudorzeit entdeckte und diese Neugier anschließend mit akademischem Lernen verband, war für mich eines der stärksten und inspirierendsten Beispiele dafür, was Public History erreichen kann. Im Kern bedeutet Public History, Geschichte über akademische Institutionen hinaus zugänglich zu machen und der Öffentlichkeit nicht nur den Zugang zur Vergangenheit zu ermöglichen, sondern sie auch als aktive Teilnehmende daran zu beteiligen.


Dieses Prinzip wird häufig als „shared historical authority“ bezeichnet: die Vorstellung, dass Geschichte nicht ausschließlich das Eigentum vonWissenschaftler*innen sein sollte, sondern zu etwas wird, das breitere Gesellschaftsschichten interpretieren, hinterfragen und für sich selbst mit Bedeutung füllen können. Die Erfahrung meiner Begleitung veranschaulicht dieses Prinzip eindrucksvoll und zeigt den besonderen Public-History-Wert, den SIX verkörpert.


Von His-story zu Her-story: Die Umkehrung der Master Narrative und die Rückgewinnung von Handlungsmacht 

Seit den 1970er Jahren hat sich die Geschichtswissenschaft zunehmend von der sogenannten Master Narrative entfernt, die sich auf mächtige Herrscher und heroische Einzelpersonen konzentriert. Stattdessen richtete sich der Blick verstärkt auf jene Stimmen, die in traditionellen Geschichtserzählungen lange ausgeschlossen wurden – auf Frauen, Minderheiten und andere marginalisierte Gruppen. Diese Perspektive wird häufig als „Geschichte von unten“ bezeichnet.

SIX bringt genau diesen Perspektivwechsel auf die Bühne. Anstatt erneut die Geschichte Heinrichs VIII. zu erzählen–jenes absolutistischen Monarchen, dessen Erzählung das historische Gedächtnis bis heute dominiert –, rückt das Musical ihn bewusst an den Rand.


Stattdessen erhalten die sechs Königinnen selbst das Mikrofon. Frauen, die in der populären Erinnerung häufig kaum mehr waren als „Ehefrau Nummer 1, 2, 3 …“. Indem jede Königin ihre eigene Geschichte erzählen darf, verwandelt SIX His-story in Her-story und gibt Stimmen zurück, die von der Geschichtsschreibung lange überschattet wurden. Der bekannte Reim – „Divorced, beheaded, died, divorced, beheaded, survived“ –, der die tragischen Schicksale der sechs Frauen zusammenfasst, wird zu einer Hymne der Girl Power des 21. Jahrhunderts. Eine Tragödie, die sich vor 500 Jahren ereignete, wird zu einer Feier von Widerstandskraft und Selbstbestimmung. SIX verleiht Frauen, deren Geschichten durch politische Machtstrukturen ausgelöscht wurden, ihre Handlungsmacht und Identität zurück.


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Die Ethik der Repräsentation: Wie Tragödie in Pop-Performance verwandelt wird 

Doch darf eine Geschichte, die von Hinrichtungen und Tod geprägt ist, tatsächlich in ein derart mitreißendes Popkonzert verwandelt werden? Die Gefahr, historisches Leid lediglich als Unterhaltung zu konsumieren, gehört zu den zentralen ethischen Herausforderungen, mit denen sich Akteur*innen der Public History immer wieder auseinandersetzen müssen. SIX gelingt es jedoch, diese Grenze nicht zu überschreiten. Stattdessen wurde die Produktion von der deutschen Nachrichtenagentur dpa als „ein feministisches Feuerwerk, das die Stärke der Frauen erfolgreich feiert“ gelobt.


Der Grund dafür liegt in der Perspektive, die das Musical einnimmt. Anstatt Tragödien zu objektivieren oder Gewalt sensationsorientiert darzustellen, interpretiert SIX die sechs Königinnen durch Figuren neu, die von modernen Popikonen wie Beyoncé, Adele und Ariana Grande inspiriert sind. Ihre Geschichten werden zu Erzählungen von Empowerment, in denen die Frauen selbst die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen – ein Leben, das historisch lange durch Unterdrückung definiert wurde. Ebenso entscheidend ist der bewusste Perspektivwechsel des Musicals. Der Mann, der für die Gewalt verantwortlich war, verliert seine narrative Dominanz, während die Stimmen der betroffenen Frauen ins Zentrum der Bühne rücken. Dieser Perspektivwechsel bietet ein wichtiges ethisches Modell für historische Repräsentation. Die entscheidende Frage ist nicht, ob schmerzhafte Geschichte überhaupt dargestellt werden darf, sondern wessen Perspektive letztlich die Erzählung bestimmt. Die Rekonstruktion dominanter Geschichtsbilder aus den Perspektiven marginalisierter Gruppen ist nicht nur kreativ bereichernd, sondern macht auch jene blinden Flecken sichtbar, die traditionelle Geschichtsschreibung hinterlassen hat.


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Eine Art, Geschichte auf die Bühne zu bringen 

Die tiefere Bedeutung dieses „History Remix“ für die Public History führt uns zurück zur Geschichte mit dem Abitur. Mit seiner Popstar-Ästhetik und dem dynamischen 80-minütigen Format zieht SIX jüngere Generationen und Theater-Neulinge an, die sich vielleicht nie für ein historisches Musical interessiert hätten. Doch die Erfahrung endet nicht mit dem Fallen des Vorhangs. Über Spotify, TikTok und internationale Fangemeinschaften setzen sich die Zuschauer*innen weiterhin mit dem Soundtrack auseinander, teilen eigene Interpretationen und lernen dabei – oft ohne es bewusst zu merken – die Geschichte der Tudor-Dynastie kennen. Auch deutsche Medien haben diese Wirkung erkannt. Der Bayerische Rundfunk bezeichnete das Musical als „eine tanzbare Doppelstunde über Geschichte und Befreiung“, während die Süddeutsche Zeitung begeistert fragte: „Wenn doch jedes Geschichtsbuch ein Musical wäre!“ Indem SIX eines der schwersten Kapitel der Geschichte in die Sprache der aktuellsten Popmusik übersetzt, zeigt das Musical, wie eine durchdachte künstlerische Konzeption selbst Menschen ohne vorheriges Interesse an Geschichte dazu bringen kann, freiwillig in die Vergangenheit einzutauchen. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Unterhaltung zu einem Zugangstor für historische Neugier werden kann – anstatt Geschichte zu vereinfachen oder zu verdrängen.


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Eine pluralistische Geschichte durch „Genetic Storytelling“ – und LIVE!

Für Public Historians erinnert SIX an eine zentrale Erkenntnis: Geschichte ist keine unveränderliche, objektive Wahrheit, sondern ein Konstrukt, das durch die Interpretationen späterer Generationen und die sich wandelnden gesellschaftlichen Kontexte immer wieder neu geformt wird. Die Geschichte, die der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist daher niemals die Vergangenheit selbst – etwas, das uns letztlich unerreichbar bleibt –, sondern immer eine interpretierte Vergangenheit.


SIX versucht nicht, diesen Prozess zu verbergen. Indem das Musical Geschichte nicht als ein feierliches Lehrbuch, sondern als ein lebendiges Popkonzert präsentiert, macht es sichtbar, wie historische Quellen aus einer gegenwärtigen Perspektive verändert, neu interpretiert und „geremixt“ werden.


In diesem Sinne ist SIX auch ein herausragendes Beispiel für Genetic Storytelling. Anders als traditionelle Narrative, die die Vergangenheit lediglich bewahren wollen, oder exemplarische Narrative, die Geschichte ausschließlich als moralisches Lehrstück nutzen, erkennt Genetic Storytelling die Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart an und bringt die Werte beider Zeiten miteinander in einen produktiven Dialog.


Auf diese Weise entstehen neue Bedeutungen, die unmittelbar mit der Gegenwart kommunizieren. Die sechs Königinnen bleiben fest in den historischen Realitäten der Tragödien des 16. Jahrhunderts verankert. Gleichzeitig werden diese historischen Erfahrungen durch die Werte des 21. Jahrhunderts – durch „Girl Power“ und Empowerment – neu interpretiert. Das Ergebnis ist keine Verfälschung der Geschichte, sondern eine neue Orientierung, die es modernen Zuschauer*innen ermöglicht, eine unmittelbare und persönliche Verbindung zur Vergangenheit aufzubauen.


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Der Public-History-Forscher Marko Demantowsky beschreibt eine der zentralen Qualitäten gelungener Public History darin, „dem Individuum vielfältige Möglichkeiten zur Reorientierung zu eröffnen und gleichzeitig demokratischen Pluralismus zu schützen.“ SIX verkörpert genau dieses Prinzip. Das Musical dekonstruiert die Master Narrative, die jahrhundertelang von einem einzigen mächtigen Mann – Heinrich VIII. – dominiert wurde, und stellt stattdessen die unterschiedlichen Stimmen und Identitäten der sechs Frauen wieder ins Zentrum, die von der Geschichtsschreibung lange marginalisiert wurden.


Damit zeigt SIX eindrucksvoll die Kraft einer pluralistischen Geschichtsdarstellung. Letztlich bewahrt das Musical Geschichte nicht einfach als lebloses Objekt hinter einer Museumsvitrine. Auf der Bühne lösen sich die sechs Königinnen von der reduzierenden Zuschreibung, lediglich die Ehefrauen eines Herrschers gewesen zu sein, und erkämpfen sich das Recht, als eigenständige Persönlichkeiten erinnert zu werden. Aus der Perspektive einer Public Historian bietet das Musical eine überzeugende Antwort auf einige der grundlegendsten Fragen des Fachs: Wie sollte Geschichte popularisiert werden? Aus wessen Perspektive sollte sie dargestellt werden? Und auf welche Weise kann sie weiterhin mit der Gegenwart kommunizieren? Wie der unvergessliche Slogan des Musicals verkündet:

„Divorced. Beheaded. LIVE!“

Geschichte ist kein toter Text, der in der Vergangenheit eingeschlossen bleibt.

Sie ist ein lebendiger Dialog – ständig neu gemischt, kontinuierlich neu interpretiert und jedes Mal aufs Neue zum Leben erweckt, wenn sie auf ein neues Publikum trifft.


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Produktionsfotos ⓒ Pamela Raith 



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