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K. : Kafka neu entdeckt durch das Lachen des Absurden

Yeri

Yeri

2026. 06. 14 01:39Views 68

Eine heitere Provokation gegenüber einer absurden Welt, ein „talmudisches Tingeltangel“

Auf der Bühne steht eine einzelne Person in Unterwäsche. Es ist Josef K. Nur in seiner Unterwäsche steht er auf einer leeren Bühne und ringt mit mysteriösen Männern, die ohne erkennbaren Grund in seine Wohnung eingedrungen sind. Mit der berühmten Variation des ersten Satzes aus Franz Kafkas Roman Der Prozess – „Jemand muss mich verleumdet haben, denn ohne jeden Grund“ – setzt K. sein Publikum bereits zu Beginn einer gezielten Desorientierung aus.

Eingeladen zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen und im Theater Marl gezeigt, präsentiert die neue Produktion des Berliner Ensembles K. eine radikale Neuinterpretation von Kafkas Werk. Regie führt Barrie Kosky, die musikalische Leitung liegt bei Adam Benzwi, die Dramaturgie bei Sibylle Baschung. Die Inszenierung verbindet Texte aus Der Prozess, Ein Hungerkünstler, In der Strafkolonie sowie aus Kafkas Tagebüchern zu einem eigenständigen Musiktheater.

Im Zentrum steht der rätselhafte Untertitel: „ein talmudisches Tingeltangel“. Während Kafkas Texte – geprägt von Widerspruch und offener Interpretation – an die jüdische Tradition des Talmud erinnern, bezeichnet „Tingeltangel“ eine wandernde Unterhaltungsform aus Tanz, Musik und Komik. Die Inszenierung vermeidet eine Reduktion Kafkas auf den düsteren Autor der Moderne und setzt seine Texte bewusst in Kontrast zu Formen des Slapstick und der Jahrmarktskomik. In dieser Verschiebung wird eine Transformation der tragischen Absurdität durch komische Mittel sichtbar, die zugleich eine Rückbindung an eine jüdisch geprägte kulturelle Erfahrung behauptet.

© Jörg Brüggemann
© Jörg Brüggemann

Kafkas Albtraum und Realität als Bühnenkonstruktion

Das Stück folgt Josef K., der eines Morgens ohne Kenntnis der Anklage verhaftet wird und sich in einem undurchschaubaren juristischen System wiederfindet. Auf der Bühne verschränken sich dabei Kafkas Texte und biografische Bezüge fortlaufend. Gerichtsstühle werden zu Synagogenbänken, die Stimme eines nicht sichtbaren Anwalts erscheint als eine Art göttlicher Strafakt in hebräischer Sprache.

Die Inszenierung arbeitet mit zahlreichen visuellen Überlagerungen. Frau Grubach, die als Figur der Ordnung und Sauberkeit erscheint, sprüht Desinfektionsmittel auf die Bühne; der Behälter auf ihrem Rücken verweist formal auf das Insekt aus Die Verwandlung. In der zweiten Hälfte erscheint Josef K. in einer käfigartigen Struktur und liest Vor dem Gesetz auf Hebräisch wie einen liturgischen Text. Die Figur Dora Diamant tritt wiederholt auf und fungiert als emotionaler Gegenpol innerhalb der ansonsten düsteren Struktur.

© Jörg Brüggemann
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Sprache und Musik als Verfremdung der Tragikomödie

Zentral ist die mehrsprachige Anlage des Abends – Deutsch, Jiddisch und Hebräisch – sowie die musikalische Montage. Barrie Kosky bezieht sich auf Kafkas Begegnung mit einem jiddischen Theaterensemble 1911 in Prag. Jiddisch und Varieté-Musik fungieren dabei nicht als Hintergrund, sondern als strukturelles Mittel der Verfremdung.

Die siebenköpfige Live-Band unter Adam Benzwi transformiert Bachs Kirchenmusik in swingende Arrangements. Schumanns Dichterliebe wird ins Jiddische übertragen und von Dora Diamant gesungen. Auch das jüdische Gebet Kol Nidre wird integriert. Gerade in Momenten der Bedrängnis erzeugt die gleichzeitige Präsenz von Musik und Komik eine Irritation, die die Wahrnehmung destabilisiert – je lebhafter das Varieté, desto stärker verdichtet sich die dunkle Grundstruktur

© Jörg Brüggemann
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Ensembleleistung als Träger des Konzepts

Die Tragfähigkeit des komplexen Konzepts beruht wesentlich auf der Leistung des Ensembles. Im Zentrum steht Kathrin Wehlisch, die Josef K. und zeitweise Kafka selbst verkörpert. Über drei Stunden hinweg bewegt sie sich in Unterwäsche über die Bühne, wechselt zwischen Sprache, Gesang und körperlicher Komik und verbindet Slapstick mit Momenten existenzieller Erschöpfung.

Alma Sadé als Dora Diamant setzt mit ihrer Stimme einen kontrastierenden emotionalen Akzent, während Constanze Becker in multiplen Rollen zwischen Frau Grubach und Leni die Struktur der Inszenierung stabilisiert.

© Jörg Brüggemann
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„Es gibt keinen Ausweg“ – und doch muss das Leben weitergehen

„In Kafkas Welt gibt es keine Erlösung. Kein Entkommen vor der Struktur der Unterdrückung.“ Diese Lesart bestätigt sich in der Darstellung der Verhaftung und Hinrichtung Josef K.s.

Die Gewalt, die ihn trifft, ist nicht nur historisch kontextualisiert, sondern erscheint als strukturelle Form von Ausschluss. Die Figur wird damit zum Träger einer gegenwärtigen Lesart von Entfremdung und systemischer Ohnmacht.

Josef K. agiert dabei in einer paradox heiteren Bewegung, bleibt jedoch durchgehend isoliert und unbeachtet. Für das Publikum entsteht weniger Unterhaltung als vielmehr eine Form der Irritation und Distanz. Auch die musikalische Dimension verhindert eine einfache Komik: Die Fröhlichkeit erscheint als kalkulierte Überlagerung des Düstern.

Die wiederholte Konfrontation mit Jiddisch und Hebräisch verstärkt diese Distanzwirkung. Sprache selbst wird zum Zeichen der Entfremdung innerhalb eines nicht lesbaren Systems. Gleichzeitig bleibt die Bühne in permanenter Bewegung – als ein Raum, in dem sich Absurdität, Musik und körperliche Präsenz überlagern.

© Jörg Brüggemann
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Yeri

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